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Ötzis von heute und modernes Wohnen

Cino Zucchi erläutert, was ein häusliches Ambiente zum „Zuhause“ macht und wie die Technologie im täglichen Leben die Regeln der Planung und unserer Wiederentdeckung der Bedeutung von Qualität neu definiert.

Ötzis von heute und modernes Wohnen

Noch nie so intensiv wie heute beschäftigen wir uns mit der Qualität der häuslichen Ambiente und mit der Notwendigkeit, die Räume geräumiger, artikulierter, polyfunktionaler und grüner zu gestalten. Im Grunde genommen hat dies eigentlich nicht sehr viel mit den Auswirkungen der Pandemie zu tun, sondern ist vielmehr der Ausdruck einer tief greifenden Veränderung der Gewohnheiten in Verbindung mit dem eigenen Zuhause und einer Neuauslegung der Wohnmöglichkeiten in der Stadt. Wir sprechen darüber mit Cino Zucchi, Architekt, Stadtplaner und Universitätsprofessor, der in seiner Bilanz bereits auf zahlreiche Wohnturmprojekte zurückblicken kann.

Welche wesentlichen Wohnanforderungen müssen erfüllt werden, um ein konfliktfreies Habitat zu kreieren?

Ein Architekt und Bauplaner muss die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen und somit Bewohner von Wohneinheiten der Zukunft umfassend kennen und dementsprechend vorplanen, sodass die Räume bestimmte grundlegende Merkmale aufweisen, die in der Lage sind, die individuellen Anforderungen zu erfüllen und sich diesen im Lauf der Jahre auch anzupassen. Nach der „Stadtflucht“ der 80er Jahre erleben wir seit einigen Jahrzehnten eine ausgesprochene Wiederentdeckung der Qualität der städtischen Ambiente. Vom Standpunkt des Energieverbrauchs aus gesehen ist die Stadt weitaus ökologischer als die Vororte, sie ist reicher an Dienstleistungen für die einzelnen Personen und viel stimulierender dank ihrer erzieherischen und kulturellen Angebote. Mit ihren wenigen Grünflächen, der Gefahr der Vereinsamung und den höheren Lebenshaltungskosten stößt sie jedoch an ihre Grenzen, weshalb bei der Planung neuer Gebäude und Stadtviertel umweltbezogene Qualität, gemeinsame Bereiche, die ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen lassen, und eine konstruktive und distributive Klugheit, die bei der Erstellung erschwinglicher und effizienter Wohnungen und Häuser einfließt, berücksichtigt werden müssen. Nach Covid muss eine Terrasse oder ein „grünes Zimmer im Freien“ ein integrierender Bestandteil jeder Wohnung sein.

Wenn man von Apartments spricht, scheint es, dass die Anforderungen eine tief greifende Veränderung erfahren haben. Welche Überlegungen haben Sie in diesem Zusammenhang angestellt?

Es reicht schon, eine Momentaufnahme mit dem Smartphone einer Situation eines meiner vier Kinder zu schießen, d.h. eines meiner Söhne früh morgens auf dem Sofa schlafend – und zwar lange vor dem forcierten Lockdown durch Corona –, um die gesamte theoretische Konstruktion der „funktionalistischen“ Wohnung einstürzen zu lassen, welche auf der zweideutigen Entsprechung zwischen den Räumen und den Tätigkeiten basiert. In einem Radius von nicht mehr als zwei Metern von meinem auf dem Sofa schlafenden Sohn finden wir ein Laptop mit den erstarrten Bildern der letzten Arbeitssitzung, eine Tasse Kaffee, die Reste einer über einen Home-Delivery-Service bestellten japanisch-brasilianischen Mahlzeit, ein am Vorabend ausgepacktes Amazon-Prime-Paket und ein Handy mit den Symbolen der zahlreichen Apps, die als die lebenswichtigen Werkzeuge eines heutigen Ötzis oder „Manns vom Similaun“ im Ökosystem der modernen Stadt betrachtet werden können.

Wie kann man diese Anforderungen auf der architektonischen Ebene umsetzen?

Paradoxerweise haben wir einige „grundlegende“ Merkmale des Wohnens wiederentdeckt, z.B.: angemessene Größe der Räume, ihre richtige Ausrichtung zum Sonnenlicht, Größe und Position der Fenster in Bezug auf die Innenbereiche und Ausblicke, gutes distributives Layout. Aber de facto passen wir uns eher den neuen Lebensweisen an, die durch die Integration der IT-Technologien bestimmt werden, als den zahlreichen „Hilfsmitteln“, die in den Immobilienangeboten enthalten sind, um vorübergehenden Anforderungen des Markts zu folgen.

 

BIOGRAFIE VON CINO ZUCCHI

Als Architekt, Stadtplaner und ordentlicher Professor für Architektur und Stadtplanung an der Technischen Hochschule in Mailand gründet Cino Zucchi CZA Architetti in Mailand. Er nimmt regelmäßig an internationalen Architektur-Jurys teil, wie beispielsweise am Mies van der Rohe Award 2015. Er ist Mitglied in internationalen Forschungsgruppen wie ARE_Living, die sich mit der Innovation im Wohnwesen beschäftigen. Er ist Autor von Büchern und Mitarbeiter zahlreicher Zeitschriften, u.a. Domusund Casabella. Er wurde mit vielen Anerkennungen ausgezeichnet, u.a. kürzlich mit der Ehrenvollen Erwähnung für die Lavazza Headquarters des diesjährigen italienischen Architekturpreises „Premio italiano di Architettura 2020“.

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