Zehn mal zehn

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Mit ihrem ironischen und poetischen Blick verwandelt Olimpia Zagnoli die Fliese in ein erzählerisches Objekt, alltäglich und zugleich außergewöhnlich. Quadratisch wie ein Topflappen oder ein Platz, wird die Fliese zur lebendigen Oberfläche, stiller Zeuge häuslicher Momente und kollektiver Erinnerungen, fähig, Retro-Atmosphären und psychedelische Visionen heraufzubeschwören.

Fliese. Objekt, meist quadratisch wie ein Topflappen, ein Stück Schokolade, ein Platz. Oberfläche, die sich am Morgen nach dem Kaffee erwärmt. Angenehm lauwarm an Sommertagnachmittagen. Geeignet zum Schlittschuhlaufen mit Samthausschuhen oder für tanzende Abende barfuß. Bequem zum Waschen, ausgezeichnetes Spiegelbild neugieriger Sonnenstrahlen. Einzeln verwendbar als Untersetzer oder Briefbeschwerer. Manchmal apostrophiert als die der Großmutter, als wären die des Großvaters spurlos verloren gegangen.

Sie mag zerbrechlich erscheinen, doch sie trotzt täglich Luftangriffen aller Art, spritzendem glühendem Öl und fliegenden Tassen. Mit kantigem Äußeren offenbart sie eine verspielte Persönlichkeit, die wiederholte Botschaften aussendet, die uns in blühende Gärten und psychedelische Räume führen.

Mit geometrischen Mustern oder freien Pinselstrichen verziert, folgt sie auf ihre Weise den Moden. Ohne Eile verweilt sie friedlich an unseren Wänden, solange ihre Gegenwart erwünscht ist. Sie nimmt schweigend teil an Geburtstagen, Hochzeiten, verrückten Mayonnaisen und Einsamkeiten. Im Laufe ihres Lebens wird sie gefeiert, manchmal verspottet und oft beklagt. Sie prägt sich so tief ins Gedächtnis ein, dass man sie auswendig mit einem Finger in die Luft zeichnen könnte.

Sie spiegelt die vergangene Zeit und die kommende wie ein neues Haus, das noch nach frischem Putz duftet. Einige verlassene Exemplare im Keller zu finden, gilt als das Auffinden eines Schatzes. Manchmal ist ihr Schicksal, als Letzte anzukommen und sich einsam zwischen vielen Gleichen wiederzufinden. Manche haben das Glück, von berühmten Händen signiert zu sein und genießen so ein gewisses Ansehen. Man spricht von ihr auf Fachmessen und in Architekturbüros, während man in den Bars weiterhin denkt, eine sei wie die andere. Unter ihren Liebhabern gibt es jene, die Stunden des Schlafes verlieren, um perfekte Verbindungen zu entwerfen, jene, die sich zwischen einem puderrosa und einem bubblegum entscheiden, und jene, die die Flucht lieben.

Die Fliese begeistert in ihrer weißen Version mit Adern auf den Böden der Hotels an der Riviera, verzaubert in Salbeitönen in einem Gäste-WC, das man sich ersehnt, und weckt Neid in Küchen, die von ihren synkopierten Mustern geschmückt sind. Sorgfältig gelegt oder in Stücke zerbrochen, bewahrt sie ihre Identität selbst dann, wenn die Wellen, die sie jahrelang wiegten, ein geglättetes Fragment an den Strand zurückspülen.